Lebensmittelpreise: Der Spekulant im Spekulatius

Dienstag, 10. August 2010 von Eike Böttcher

“Viele Rohstoffe werden immer knapper, sind schwieriger zu fördern und werden damit tendenziell teurer. Zudem wächst die Weltbevölkerung rasant und die Menschen in den Schwellenländern werden wohlhabender und konsumfreudiger. Darüber hinaus lässt die florierende Industrieproduktion die Nachfrage nach Rohstoffen ständig steigen.”

Dieser Einschätzung wird ein Aufruf zur umweltbewussten, ressourcenschonenden Lebensweise folgen, könnte man meinen. Schließlich soll es ja für alle und möglichst lange reichen. Doch weit gefehlt. Dem Verfasser dieser Zeilen liegt nicht daran, vor Raubbau an Mutter Erde zu warnen oder grundsätzliche Bedenken gegenüber der skizzierten Entwicklung vorzutragen. Vielmehr “bietet diese Entwicklung grundsätzlich gute Chancen für Investments in Rohstoffe”, heißt es in dem Text weiter. Er entstammt dem Newsletter einer Bank.

Gutes Geschäft mit Rohstoffen

Und tatsächlich, mit Rohstoffen lässt sich gut Kasse machen. Die Preise schnellten in der Vergangenheit immer mal wieder in die Höhe, brachten Anlegern so gute Gewinne und Verbrauchern höhere Preise. „Mir egal“, wird sich manch einer denken. Spielen doch Kobalt, Platin, Kupfer & Co. nur eine Nebenrolle im Alltag des Otto-Normal-Verbrauchers. Doch Rohstoffe sind auch das alltagsbestimmende Erdöl und – noch weit wichtiger – Zucker, Getreide, Reis, Salz und viele andere (Grund-)Nahrungsmittel. In letzter Zeit geraten immer wieder die Lebensmittelpreise in die Schlagzeilen. Grund hierfür sind häufig Extremwetterlagen, die die Ernten schlecht ausfallen lassen oder gar die Bestände bedrohen.

Die verheerenden Brände in Russland gefährden große Teile der Weizenfelder, die Regierung hat daher vorübergehend einen Exportstopp für das Getreide verhängt. Von Juni bis August hat sich der Preis für Weizen an der Warenterminbörse in Chicago verdoppelt. Kostete die Tonne Weizen im Juni um die 100 Euro, so waren im August schon etwas mehr als 200 Euro für die Tonne zu zahlen. In Brasilien haben Regenfälle die Zuckerernte mies ausfallen lassen, in Indien hat zu wenig Regen zu genau dem gleichen Ergebnis geführt. Der Zuckerpreis hat allein im Juli um 22 Prozent zugelegt, zum Jahresende rechnen Brancheninsider mit einem weiteren Anstieg von noch einmal 28 Prozent.

Bestimmen nur Angebot und Nachfrage die Preise?

Dass Angebot und Nachfrage die Preise auch von Lebensmitteln bestimmen, ist in einer Marktwirtschaft nur konsequent. Die Frage ist jedoch, ob es wirklich immer nur Angebot und Nachfrage sind, die die Preise treiben. Die klare Antwort lautet: Leider nein! „Momentan wird der Markt von der Angst bestimmt“, sagt etwa der Agrar-Analyst der Commerzbank, Eugen Weinberg. Spekulanten sind am Werk und treiben die Preise für Agrar-Rohstoffe. Zwar gehen die Preissteigerungen nicht nur auf sie zurück, so Weinberg gegenüber der „Lausitzer Rundschau“ weiter, aber die Spekulanten können die Bewegung beschleunigen. Und das tun sie auch. Der Vorstandschef des Agrarhandelskonzerns BayWa, Klaus Josef Lutz, schätzt, dass die Preisentwicklung zu 70 Prozent auf das Konto von Spekulanten geht. Auf einigen Märkten seien Erntemengen und Nachfrage nur noch sekundäre Faktoren für die Preisbildung.

Man muss zwar nicht gleich die alte indianische Prophezeiung bemühen, wonach der Mensch erst nach Verlust allen Lebens feststellen wird, dass man Geld nicht essen kann. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob es bei so essenziellen Dingen wie Nahrungsmitteln nicht einer Beschränkung der Spekulation bedarf. Forderungen danach wurden schon oft laut und sie kamen nicht nur aus Ecken, aus denen man sie sowieso erwartet hätte. So forderte die Wall-Street-Legende George Soros im Jahr 2008 ein Verbot der Rohstoffspekulationen für amerikanische Pensionsfonds. Die hatten damals heftige Preissteigerungen durch eben solche Geschäfte verursacht. „Das ist so, als ob man in einer Hungerkrise heimlich Lebensmittel hortete, um mit den steigenden Preisen Profite zu machen”, wetterte Soros damals im Interview mit dem „stern“. Soros selbst wurde mit einer Börsenwette gegen das Britische Pfund berühmt, die ihn zudem noch reich machte.

Internationaler Schulterschluss gegen Spekulanten nötig

Finanzminister Schäuble forderte im Frühjahr dieses Jahres ebenfalls einen „internationalen Schulterschluss“ bei der Regulierung der Rohstoffspekulationen. Zustande kam er bislang allerdings nicht. Letztlich werden Beispiele aus der Vergangenheit zur Argumentation pro Spekulationsverbot genutzt: Während der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren waren Terminmärkte in Deutschland teilweise verboten.

Die Gegner von Spekulationsverboten führen die positiven Aspekte der Preiswetten ins Feld. An den Terminmärkten würden sich auch Produzenten und Konsumenten gegen Preisschwankungen absichern. Werden Kontrakte für eine Lieferung in zwei Monaten, beispielsweise für Weizen, gekauft, so wird nach den zwei Monaten zu diesem Festpreis geliefert, auch wenn Weizen dann eigentlich teurer ist. Der Produzent hat so Planungs- und Preissicherheit, das Risiko trägt der Spekulant. Auch steigenden Rohstoffpreisen können Spekulationsbefürworter etwas abgewinnen. Dauerhaft niedrige Preise würden Investitionen in Produktionsanlagen etc. verhindern, was dann wiederum zu einem Rückgang der Produktion und so zu einem knapperen Angebot mit noch höheren Preisen führen könnte.
So begrüßenswert solche Effekte von Spekulationen auch sind, für die Spekulanten sind es am Ende eben nur Nebeneffekte. Ihr Ziel ist es nicht, Produzenten und Konsumenten Planungssicherheit und Preisstabilität zu verschaffen. Sie wollen schlicht den maximal möglichen Gewinn erzielen. Deshalb sollten zumindest Überwachungsmechanismen geschaffen werden, die dafür sorgen, dass diese positiven (Neben-) Effekte von Spekulationsgeschäften nicht verschwinden und Spekulationsexzesse verhindert werden. Gerade in schweren Krisenzeiten könnte die Aussetzung von Rohstoffspekulationen ein probates Mittel sein. Doch hierfür bedarf es tatsächlich eines internationalen Schulterschlusses, den Finanzminister Schäuble fordert. Doch der wird sich wahrscheinlich erst bei einem stärker werdenden Leidensdruck formieren.

An der Chicagoer Warenterminbörse brach der Preis für Weizen am vergangenen Freitag übrigens um 7,4 Prozent ein. Möglicherweise kein gutes Signal für die Spekulationsgegner.

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2 Antworten auf “Lebensmittelpreise: Der Spekulant im Spekulatius”

  1. TARGOBANK Festgeld sagt:

    [...] sich eine Geldanlage kaum mehr, das die Zinsen weit unter der aktuellen Inflationsrate liegt. Da die Preise noch mehr steigen werden im Bereich der Lebensmittel, aber auch ab Herbst viele Energieversorger neue Preise für Strom und Gas berechnen, wird [...]

  2. Verspekuliert sagt:

    Ja, ja, die Gier wird noch mal alle umbringen. Der Autor hat Recht, wenn er Beschränkungen bei der Spekulation mit Lebensmitteln fordert. Allerdings klingt das dann doch etwas zu zaghaft. Verbieten, und zwar sofort und ohne Ausnahme!

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